Therapeutische Beziehungsgestaltung
Therapeutische Beziehungsgestaltung
Anbieter: Hogrefe

Rainer Sachse, Hogrefe:
Therapeutische Beziehungsgestaltung

Eine tragfähige Therapeut-Klient-Beziehung ist für alle Psychotherapeuten, Psychologen, Ärzte, Sozialarbeiter und Sozialpädagogen das zentrale Element einer erfolgreichen Psychotherapie. Diese Arbeitsbeziehung muss von Therapeutinnen und Therapeuten aktiv hergestellt und gestaltet werden. In diesem Band werden wesentliche Prinzipien einer konstruktiven therapeutischen Beziehungsgestaltung sowie praktische Vorgehensweisen umfassend und gut verständlich vermittelt. Diskutiert werden dabei sowohl der Zweck und das Ziel von Beziehungsgestaltung als auch ihre Effekte auf den Therapieprozess und das Therapieergebnis. Das Buch liefert konkrete Strategien der allgemeinen sowie der komplementären Beziehungsgestaltung und veranschaulicht diese mit Hilfe von zahlreichen Beispielen.


Rezension aus der Zeitschrift "Systhema: Zeitschrift des Instituts für Familientherapie e.V. Weinheim" (3/06)

Rainer Sachse ist bekannt geworden für seine Arbeiten zu Zielorientierter Gesprächspsychotherapie und - später - zu einer Klärungsorientierten Psychotherapie. In dem nun vorliegenden schmalen, jedoch inhaltsreichen Buch diskutiert er Besonderheiten und Möglichkeiten therapeutischer Beziehungsgestaltung. Er tut dies mit einer klaren Betonung des besonderen Anteils der professionellen HelferInnen an diesem Geschehen, das auch ihm als zentral und während des gesamten Therapieprozesses im Auge zu behalten gilt. Was auf den ersten Blick wie ein allgemeiner therapeutenzentrierter Ansatz wirkt, erweist sich bei genauerem Hinsehen als ein sauber begründeter und konsequent durchgehaltener Ansatz, in dem das Partnerschaftliche in der TherapeutIn-KlientIn-Beziehung unterstrichen wird, jedoch hinsichtlich der spezifischen Verantwortlichkeiten differenziert. Sachse unterscheidet seine Herangehensweise von solchen, die die therapeutische "Allianz" in den Vordergrund rücken. Er entscheidet sich - wie ich das verstehe - deswegen dagegen, weil das Allianzkonzept aus seiner Sicht zu unscharf hinsichtlich der Verantwortlichkeiten argumentiert. Ihn interessiert stattdessen mehr die Frage, was genau TherapeutInnen tun können und sollen, um die Therapiekonstellation so auf die KlientInnen zuzuschneiden, dass diese ihre eigenen Besonderheiten und Expertise zu Gunsten der angestrebten Ziele einsetzen. Aus diesem Blickwinkel entscheidet sich Sachse für den Begriff und das Konzept der therapeutischen Beziehungsgestaltung und reklamiert das Gestalten als Aufgabe der TherapeutInnen. Eine TherapeutIn müsse "durch gezielte Strategien versuchen, eine gute Therapeut-Klient-Beziehung auch trotz dysfunktionaler Interaktionsstile des Klienten zu erreichen. Damit hängt die Qualität der therapeutischen Beziehung entscheidend vom Therapeuten ab" (S.15 f., Herv. i. O.). Das ist sauber begründet und durchdacht. Und man kann dies auch anders gewichten. Dass Sachse sich zu seinem Ausgangspunkt bekennt und andere, etwa systemische Positionen zum Thema nicht berücksichtigt, ändert jedoch nichts daran, anzuerkennen, dass er seinen Ansatz kenntnisreich und plausibel darstellt. Ich verstehe ihn so, dass es ihm nicht um eine Art Definitionshoheit geht, sondern um eine belastbare Weise, für Bedingungen verantwortlichen Handelns zu sorgen. Dies gelingt dem Autor m. E. sehr gut.

Insgesamt scheint mir das Buch in erster Linie als Ausbildungs- und Lehrbuch gedacht zu sein. Es leistet viele (und anregende) Definitions- und Differenzierungsarbeit, etwa zum Umgang mit Solidarität und Loyalität; insbesondere zu den unterschiedlichen Arten des Vertrauens und den unterschiedlichen Aufmerksamkeitsfoki von TherapeutInnen, wenn es darum geht, diesen unterschiedlichen Arten des Vertrauens behilflich zu sein. Aus einem störungsspezifischen Blickwinkel dürfte sicher das Konzept der komplementären Beziehungsgestaltung interessant sein sowie das Durchdeklinieren dieses Konzeptes hinsichtlich der zentralen Beziehungsmotive Anerkennung, Wichtigkeit, Verlässlichkeit, Solidarität, Autonomie und Grenzen. Das Buch bietet auf diese Weise umfangreiches, quasi-curriculares Material zum Thema und erweist sich als ergiebig. Aus systemischer Sicht gibt es sicher Fragen und sicher auch eine Reihe anderer Ideen als die von Sachse vorgestellten. Was Blicke über den Tellerrand und die verwendete Literatur betrifft, liefern Sachses eigene Arbeiten einen deutlichen Schwerpunkt. Der programmatische Reader von Norcross (2002) ist zwar mit einigen Verweisen vertreten, jedoch nicht das Themenheft der "Psychotherapie im Dialog". Keinen Hehl macht Sachse aus seinem deutlichen Bekenntnis zu einem psychosozialen Verständnis menschlicher Probleme und er grenzt sich deutlich ab von einem medizinischen Modell. Insgesamt: lohnende Lektüre, vielleicht gerade wegen der Notwendigkeit, eigene systemische Positionen als Pendant noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.

Wolfgang Loth (Bergisch Gladbach)




Institut für Psychologische Psychotherapie Prof. Rainer Sachse - www.ipp-bochum.de